Apr 06 2009

Magellan



Verfasst von wb

Das Magellan in Graz sucht Anschluss – an die großen Gourmettempel unserer Zeit. Und immerhin mit 14 Punkten GM gelingt zumindest eine Haube! Keine schlechte Leistung und verdient wie wir finden, aber an manchen Eckpunkten kann noch ordentlich nachgebessert werden …

18.30 Uhr und ich steige ungeduldig beim Roseggerhaus von einem Bein aufs andere. Um 19.00 Uhr haben wir einen Tisch reserviert und mein guter Freund und Begleiter an diesem Abend verspätet sich … wieder mal. „Schu gib Gas!“, denke ich mir und erinnere mich daran, wie unangenehm es für den Koch werden kann, den Start des Menüs hinauszuzögern.

Endlich: Wir besteigen ein Taxi und wundern uns alsbald, in welche Gegenden der Outscirts wir abdriften. Selten gesehene, sehr weit außerhalb liegende Stadtteile von Graz werden uns näher gebracht. Endlich parken wir vorm Magellan. Von außen eigentlich ein kleines, herziges Gasthaus.

Wir betreten die Windn und ich verliebe mich hals über Kopf: Selten habe ich mich auf Anhieb in einem Lokal so wohl gefühlt. Eine lockere Mischung aus Bar und Restaurant, sehr übersichtlich gehalten, geprägt von dunklem Leder erwartet uns. Von spießigen Anzugträgern keine Spur.

Wir werden zu unserem Tisch begleitet. Bereits zwei Wochen zuvor hatte ich ein 6-Gängiges Überraschungsmenü bestellt um dem Chefkoch zu erlauben, sich richtig auszutoben. Dementsprechend gespannt ordern wir erstmal als Einstand ein Glas Bier. Murauer als Abschluss einer anstrengenden Arbeitswoche kommt uns sehr gelegen.

Zum Menü verspricht man uns glasweise Weinbegleitung. Sehr fein.

Offenbar hält man im Magellan nicht viel von Spannungsaufbau, deshalb nimmt man bereits mit dem Gruß aus der Küche das meiste vorweg. Kaum eine Hauptspeise konnte es je mit diesem Amuse-Gueule aufnehemen: Dijon Senf Suppe, Blutwurst Crep,  Schweinefilet im Speckmantel und irgendwas mit Krabben …

Geschmacklich wirklich beeindruckend nur durchaus einer zweiten Vorspeise würdig.

Der erste Gang, Tunfischsteak in Limettenmarinade hinterlässt leider keinen überwältigenden Eindruck: Die Marinade präsentiert sich bestenfalls durchschnittlich, der yellow Fin Tunfisch ist immerhin sehr frisch, aber in Summe haut mich das Gericht nicht vom Hocker. Dafür begegnen wir bereits zum zweiten mal (man bedenke, dass wir erst beim ersten Gang sind) den beiden Lieblingskomponenten des Chefkochs an diesem Abend: Eine schokoladig schmeckende Balsamicoreduktion und seltsame Keimlinge, die optisch stark an das Barthaar von Neptun erinnern, werden uns an diesem Abend vom Brotaufstrich bis zum Dessert verfolgen …

Schu’s schweinische Alternative mit glasierten Zwiebeln und irgend einem Espuma im Glas stiehlt meinem Thunfisch irgendwie die Show. Neidig lechze ich über den Tellerrand, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Eine Kostprobe schnappe ich mir dann trotzdem und bin überwältigt. Wirklich ein tolles Gericht!

Es folgt rote Beete Suppe mit Schaum vom grünen Pfeffer und einem iberischen Wildschweinchip (dekoriert mit „Neptun-Barthaaren“). Die Genusskurve steigt rasant an – stagniert beim nächsten Gang aber leider wieder: Spargelpasta mit Bohnenkraut stellt den Genießer vor eine feinmotorische Herausforderung die der Geschmack leider kaum rechtfertigt. Für Spargel ist es einfach noch etwas zu früh und das schmeckt man. Auch die seltsamen Bohnenkeimlinge tragen zum Gesamteindruck des Gerichtes geschmacklich so gut wie nichts bei. Lediglich schwer zu essen sind sie.

Das Auf und Ab geht weiter - diesmal Gott sei Dank in erstere Richtung: Als Highlight des Menüs kredenzt man uns eine Wachtelpraline an Steinpilz-Kartoffelbaumkuchen mit Portweinlack & Trüffelshampoo (laut Karte und Aukunft des Service). Wachtelpraline (chek), Steinpilz-Kartoffelbaumkuchen (Ok … sieht eher aus wie Püree), dazu etwas was mich an Weißkraut erinnert, aber Portweinlack und Trüffelschampoo (oder zumindest ein sehr geniales Trüffelaroma) sind vorhanden. Dieses Gericht hat mich wirklich begeistert – es erfüllte die Erwartungshaltung, die ich eigentlich gegenüber jedem Gang dieses Menüs an den Tag legte, aber nicht immer erfüllt fand. Es folgt ein Lammrücken mit Sauerrahmsoufflee. Dieser Hauptgang konnte mit der Wachtelpraline zwar nicht ganz mithalten, schmeckte aber nichts desto trotz wirklich lecker – und die Balsamicoreduktion hatte ich auch schon vermisst … endlich ist sie zurück.

Begleitet wurde dieser Gang von einem ausgesprochen angenehmen Pinot Noir aus der niederösterreichischen Thermenregion. An dieser Stelle sei dem Chef de Service/ Sommelier  mein ehrlichstes Lob ausgesprochen: Wir wurden den ganzen Abend zuvorkommend, kompetent, freundlich und flink bedient. Die Weine passten ausgezeichnet und die meisten mundeten uns auch ;)

Deshalb tut es mir umso mehr leid, dass ich am letzten, und für mich persönlich wichtigsten Gang – dem Dessert – kein gutes Haar lassen kann. Es gab: Schokosoufflee mit flüssigem Kern auf Basilikumsauce und dazu ein Rhabarber-Pflaumen-Sorbet garniert mit allerhand Früchten und unserem Freund, der Balsamicoreduktion (hier wurde ich zensiert ;) ). Schokosoufflet auf Basilikum – die Trendwhore der Desserts. Gut, aber auch nichts Neues. Beim Sorbet allerdings frage ich mich dann schon, ob das eigentlich jemand gekostet hat. Schmeckt leider nach: nichts. Oder eleganter ausgedrückt: Das feine Aroma des Sorbets kann sich gegen die geballte Schokoladigkeit leider nicht durchsetzen. Auch die Glashauserdbeeren tun sich schwer.

Ein exzellenter Kaffe zum Abschluss reaktiviert die Lebensgeister und bereitet uns auf das vor, was der Abend noch so bereit hält … Auf den Weg gibt’s eine leckere Nougatpraline  – als Salami getarnt! Tolle Idee!

Ein ehrliches Fazit: Langsam werde ich zu einem verwöhnten Schnösel oder ich hatte einfach zu hohe Erwartungen an ein 14 Punkte GM Lokal. Das Menü war gut, teilweise sogar ausgezeichnet, aber Einbrüche beim Dessert und bei der Pasta ärgern mich noch jetzt – drei Tage später! Auch etwas endtäuschend: Nichts von der gerade aktuellen Malaysia-Karte ist in unser Menü eingeflossen … Trotz des tollen Service und des netten Ambiente bekommt das Magllan von mir „nur“ 4 Böcke. Sehr gute 4 Böcke – eigentlich 4,5. Diese Wertung entstand auch angesichts der Tatsache, dass sich das Magellan in einer gehobeneren Preisklasse bewegt.

Ich habe allerdings beschlossen sobald es meine Zeit erlaubt das Mittagsmenü des Magellan zu versuchen. 4 Gänge auf Haubenniveau für EUR 13,– Das kann sich sehen lassen! Kann gut sein, dass bei dieser Wertung sehr bald nach oben korrigiert wird.

Nachtrag: Schu gibt 5 Böcke, ich 4,5. Das Ergibt einen Durchschnitt von 4,75 und wir runden auf: 5 Böcke fürs Magellan.

www.restaurant-magellan.at

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Wertung

5 von 7 Böcken

4 Antworten to “Magellan”

  1. schuon 06 Apr 2009 at 21:26:39

    Aaaalso: die Kritik finde ich schon ein bisschen hart (ja ich weiß, ich bin kein Profi).

    Ich persönlich fand das Essen eig. sehr geil, nur preislich wars dann doch sehr heftig, da muss ich sagen hauts einen schon um.

    Jedoch Zutaten als “Ejakulat” zu bezeichnen oder “Neptun’s Barthaare” ist aus meiner Sicht als Nicht-Experte vielleicht doch eine Spur zu derb.

    Ich geb dem Magellan daher 5 Böcke, schliesslich war der Service grundsätzlich gut und freundlich und auch die Zutaten waren durchwegs interessant.

  2. wbon 06 Apr 2009 at 22:46:31

    Also von Profi bin ich auch weit weg.

    Demnach du hier ja auch ein Stimmrecht hast, schmeiß ich unsere beiden Wertungen in einen Topf, komme zu 4,75 was eindeutig näher an 5 Böcken als an 4 ist. Daher: 5 Böcke fürs Magellan.

    Zu meiner Kritik: Ich habe versucht möglichst so zu schreiben, wie ich das Lokal empfand – mal großartig, mal weniger. Deshalb auch die Schwankung zwischen Lob und Tadel. Das ist ja das witzige, es war ja so total geil: Stimmung, Ambiente, Service, die meisten Gerichte … dann aber ein paar Sachen, die echt nicht gut waren: Allen voran Sorbet und Pasta. Aber wenn du meinst, dass die Kritik so hart rüber kommt, entschärfe ich ein wenig. Ist eigentlich eher positiv gemeint.

    Nur das Sprossengemüse: Wie soll ich das anders beschreiben? Sah doch so aus … Ich fand das irgendwie witzig, dass das auf den Aufstrichen als Deko, auf der Suppe beim Gruß aus der Küche, auf der Rote Beete Suppe und auf meinem Fisch war … echt geil!

  3. GNon 20 Apr 2009 at 14:52:14

    Interessant zu lesen dass sich Tester und Co-tester nicht einig sind…….

  4. schuon 28 Apr 2009 at 15:27:50

    Es herrscht immer noch Demokratie, lieber GN, und da wir nunmal gemeinsam dort waren, dürfen die Meinungen ruhig auseinander gehen ;)

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