Mär 02 2009
Brückenwirt
Tourismusrandzone oberes Ennstal – genauer Aigen – Sonntag Mittag und kein Auto am Parkplatz des Brückenwirtes. Mehrheitlich regen sich die Stimmen innerhalb der kleinen Ausflugsgesellschaft, doch umzukehren und eine „Mainstream-Windn“ aufzusuchen. Aber die Bocktester blieben schlussendlich standhaft und kehrten beim Brückenwirt ein. Es folgte ein Mahl wie zu Großvaters Zeiten …
Aus dieser Location könnte man so viel mehr machen … Der Brückenwirt in Aigen, zwischen kleinem Bach und bewaldetem Hang gelegen, schreit aus jeder Dachschindel und Mauerritze „Romantikhotel!“
Im weitläufige Hof mit überdachter Terrasse direkt am Bachufer sucht man jedoch vergeblich nach Anzeichen von Außengastronomie und selbst der Wintergarten ebenfalls auf Bachseite wird wohl nur mehr als Abstellraum genutzt.
Ich erinnere mich an die späten 80er, als mein Grosvater hier Sonntags oft die ganze Familie zum Essen einlud. Der Brückenwirt bat sich an, denn man hatte einen kleinen Spielplatz errichtet und hielt auch Tiere im Hof um den Kindern Kurzweil zu bieten. Ein richtiges Familienrestaurant also. Nicht nur Abspeisungsstelle, sondern Ausflugsziel.
Leider hat man sich in den letzten Dekaden entweder auf den Lorbeeren vergangener Tage ausgeruht, oder einfach kein Herzblut mehr investiert, denn der Sprung ins 21. Jahrhundert ist dem Brückenwirt definitiv nicht gelungen. Leider hat sich auch der liebevolle Charme der Vergangenheit fast gänzlich in alten Siff aufgelöst.
In der Gaststube angekommen frieren wir uns erstmal ordentlich den Arsch ab. Hunger und niedrige Raumtemperatur drücken etwas auf die Stimmung. Dass der Kellnerin beim Aufnehmen der Getränkebestellung weder „bitte“ noch „danke” oder zumindest ein halherziges „Grüß Gott“ über die Lippen kommt, veranlasst uns in Form von bitterem Zynismus unseren Unmut kundzutun.
Im Zuge dessen erkennen wir, wie pflegeleicht doch Plastikrosen sind – hui sogar mit „Uhu-Tau“ – wir freuen uns, dass wir die Speisekarte noch kennen (von unserem letzten Besuch 1985) und werden immer wieder gerne durch unzählige Kratzer im Geschirr an die tausenden Gäste, die vor uns von diesem Teller aßen, erinnert. Echtes Kulturgut!
Der Ärger verfliegt jedoch als endlich unsere Bestellung serviert wird. Man kann bem Brückenwirt zwar nicht aus vielen Gerichten wählen und jeden Funken von Kreativität oder Extravaganz sucht man vergeblich, aber eines kann man nicht bestreiten: Wenn man dreißig Jahre lang die selben Gerichte kocht, dann wird man entweder wahnsinnig oder aber verdammt gut darin.
Das Essen im Brückenwirt war – mit den Worten von Horst Lichter – echt lecker! Panierte Schweineschnitzel, dazu gegrilltes Karree und Putenfleisch serviert in einem Schaffel mit Petersilkartoffeln und Reis teilten sich mein Bruder und ich, außerdem noch mit dabei meine Schwägerin in spe mit dem einzig etwas ausgefalleneren Gericht, einer Räubertasche (Schweinekotelett gefüllt mit Speck, Pilzen, und viel Knoblauch) und unser Mütterchen mit einem Klassiker: Berner Würstel. Dazu gab’s noch wirklich solide abgemachten, gemischten Salat. Einfach, aber gut.
Im Brückenwirt hat man nicht nur am Lokal selbst und am Essen seit dreißig Jahren nichts verändert, sonder auch am Preis nichts (wohl um keine neuen Speisekarten drucken zu müssen). So isst man zu viert mit Getränken für etwas über EUR 40,– Kein Gericht auf der Karte erleichtert die Geldbörse um mehr als EUR 9,–
Somit kämpft der Brückenwirt zu Aigen in der Fliegengewichtklasse der Doppelbock Windn. Der guten Küche wegen gibt’s von mir in Absprache mit allen Mitessern dieses Sonntags 4 von 7 Böcken. Wer weiß, vielleicht raffen sich die Besitzer des Brückenwirt ja – sollten sie diese Kritik jemals lesen – dazu auf, das Potenzial dieser Windn richtig auszuspielen und mit viel Herzblut ein echtes Kleinod daraus zu machen. Gute Küche und eine tolle Location bilden ein Fundament auf dem man aufbauen kann.
Wertung
4 von 7 Böcken









Ein Wahnsinn diese Zusammenfassung.
Wir müssten dort fast wieder hingehen und fragen, ob sie die Bewertung eigentlich entdeckt/gelesen haben.